Abendblatt - Interview mit Günther Oettinger
20.2.2010
"Ein Ende der Atomkraft ist nicht in Sicht"
Die Prognosen sind eindeutig: Laut einer Studie, die der Weltenergierat (WEC World Energy Council) Mitte November 2007 in Rom vorstellte, wird die Nachfrage nach Strom, Gas und Öl bis zum Jahr 2030 um bis zu 40 Prozent, bis 2050 gar um 100 Prozent steigen. Damit dürfte sich der Energiebedarf der Weltgemeinschaft innerhalb von nur vier Jahrzehnten praktisch verdoppeln.
Die Nachfragesteigerung wird insbesondere getrieben vom rasanten wirtschaftlichen Aufholprozess, den die asiatischen Schwellenländer erleben. So wird allein in China der Energieverbrauch bis 2015 voraussichtlich auf 4.500 Terrawattstunden steigen. Beim Ölverbrauch liegt das Reich der Mitte mittlerweile auf Rang zwei hinter den USA.
Energie als politisches Druckmittel
Wo aber der Rohstoff Energie so begehrt ist, erhöht sich das Risiko, dass er als politisches Druckmittel eingesetzt wird. Wie bei dem Gasstreit zwischen der Ukraine und Rußland 2009. Internationale Konflikte wie dieser führen vor Augen, wie verwundbar das rohstoffarme Europa ist, wenn es um das Thema Energieversorgung geht. Immerhin wird etwa ein Drittel des gesamten deutschen Energiebedarfs in Russland gedeckt.
In dieser Situation leichtfertig auf die Kernenergie zu verzichten, erscheint energiepolitisch verantwortungslos, denn sie ist zentraler Baustein im deutschen Energiemix. Mit einem Anteil von 23 Prozent an der Stromerzeugung ist die Kernkraft Garant für eine stabile und verlässliche Versorgung. In der Grundlast trägt die Kernenergie sogar 48 Prozent bei. Wind- oder Solarenergie hingegen stehen nicht in direkter Konkurrenz zur Kernenergie, denn sie können aufgrund ihrer Witterungsabhängigkeit keine kontinuierliche Stromproduktion gewährleisten.